• Helena Sulcova

Alleine im Altstädter Rathaus

Deutschland hat gestern die Tschechische Republik bis auf zwei Regionen als Risikoland eingestuft. Grund dafür ist die steigende Zahl der Corona-Infizierte. Schon seit zwei Wochen gilt die Region Prag für Deutschland als Risikogebiet. Dies wirkt sich auf den Tourismus aus. Ich war gestern im Altstädter Rathaus. Hier ein paar Eindrücke..

Das Altstädter Rathaus kennt jeder Tourist, der Prag besucht hat. Hier befindet sich die berühmte astronomische Uhr mit den Aposteln, die zur jeden vollen Stunde in den kleinen Fenstern des Turmes erscheinen. Es ist Mittwoch kurz vor 13 Uhr. Im Erdgeschoss des Rathauses sitzen vier Mitarbeiter. Sie verkaufen die Eintrittskarten und bieten touristische Informationen an. Es muss ein langer Arbeitstag sein. Die Zeit fließt nicht. Es gibt kaum Touristen, die Infos brauchen, oder die das Rathaus besichtigen wollen. "Heute hatten wir bis jetzt nur zehn Besucher," sagte mir die Frau hinter der Kasse. In einer normalen Saison kommen auch 1500 Besucher an einem Tag, um das Rathaus zu besichtigen. Aber es ist ja kein normales Jahr. Die Lage ist schlecht

Tschechien gehört aktuell zu den Ländern mit den höchsten Zahlen von Corona-Neuinfektionen. Aktuell meldet das Land zirka 28 000 Fälle, Deutschland mit achtmal mehr Einwohner hat nicht mal 20 000 Infizierte. Die Situation in Tschechien ist schlecht. Neue Maßnahmen wurden eingeführt, neben Mundschutzpflicht in allen geschlossenen Räumen müssen ab heute alle Kneipen und Bars schon um 22 Uhr schließen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass in den nächsten Tagen wieder der Notstand ausgerufen wird. Wegen der Lage ist schon der Gesundheitsminister zurückgetreten. Die meisten Infizierte sind in Prag, auch deswegen hat Deutschland schon vor zwei Wochen Prag als Corona-Risikogebiet eingestuft. Dies wirkt sich natürlich auf die Zahl der Touristen in Prag aus.

Es gab auch im Sommer deutlich weniger Touristen als in einer üblichen Saison, aber jetzt, wenn die Touristen aus Deutschland vor Reisen nach Prag gewarnt werden, sind es noch deutlich weniger.  Aposteln von innen

Stellt euch das mal vor: Ich bin die einzige Touristin im Altstädter Rathaus. Ich gehe durch die historischen Säle, fotografiere Räume, wo früher der Stadtrat tagte. Lange Minuten kann ich mir die beste Perspektive aussuchen, um den barocken Zimmerofen schön auf dem Bild zu haben.

Genauso die Aposteln, die die Touristen meisten von draußen fotografieren, sehe ich hier von innen und da es gerade 13 Uhr schlägt, sehe ich von hier, wie sie sich bewegen. Keiner schreit mich an, dass ich sie schon lange genug fotografiert habe. Ich genieße diese Exklusivität. Gleichzeitig aber hoffe ich, dass dieser Corona-Wahnsinn so schnell wie möglich vorbei ist. Das Zentrum von Prag lebt von Touristen, sicher auch deswegen gehört Prag zu den reichsten Regionen in der EU. Wirtschaftlich tut es schon jetzt weh und wenn es so weiter geht, oder gehen sollte, könnte es das Prager Zentrum finanziell nicht überleben.




© Helena Šulcová