• Helena Sulcova

Prag ohne Menschenmassen

In Prag haben im Frühling um fast 94 Prozent weniger Touristen übernachtet als ein Jahr davor. Die am Freitag veröffentlichen Daten des tschechischen Statistikamtes zeigen, welche Folgen die Corona-Pandemie und die eingeführten Maßnahmen auf Tourismus in der Stadt an der Moldau haben. Jetzt kehren die Touristen zwar zurück, aber nur langsam.

Das Café Louvre im Zentrum von Prag ist seit fast 120 Jahren ein bekanntes Lokal. Hier war schon der Schriftsteller Franz Kafka seinerzeit oft als Gast, oder auch Albert Einstein als er in Jahren 1911-1912 Professor an der deutschen Universität in Prag war. Bis heute gilt es als Kult-Café.

Keine Schlange mehr

Die Einheimischen kommen gerne zum Frühstück oder Mittagessen hierher, Touristen probieren hier zum Beispiel die böhmische “Svíčková” also Lendenbraten auf Rahm oder genießen den traditionellen Tee um fünf. Vor der Corona-Pandemie musste ich hier oft in der Schlange stehen,

um einen Tisch zu bekommen. Gleich nach der Lockerung der Corona-Maßnahmen war das Lokal fast immer leer. Jetzt kehren die Gäste zurück, aber man spürt hier, dass die ausländischen Touristen in Prag fehlen. Die Schlange am Eingang gibt es nicht mehr. Jetzt bekomme ich immer direkt einen Platz - und nicht nur das: Ich kann sogar wählen, ob ich meine beliebte heiße Schokolade mit Schlagsahne (nirgendwo in Prag schmeckt sie so gut wie hier) lieber in dem gemütlichen Raum Nah der Billardhalle trinke, oder in dem großen Saal mit Blick auf die Häusern der Prager National Straße, oder doch lieber auf der Terrasse.

Und von der Prager Sehenswürdigkeiten nicht zu sprechen. Die Karlsbrücke ist oft so leer, dass man da tanzen könnte. Über die Karlova Straße, die sich von der Brücke zum Altstädter Ring schlängelt, kann man immer noch gehen, ohne sich durch Menschenmassen drängen zu müssen. Es ist zwar angenehm, aber die Wirtschaft leidet.  

Massive Verluste

Prag lebt vom Tourismus. Voriges Jahr sind 8 Millionen Menschen nach Prag gekommen. Die Einnahmen vom Tourismus in Prag lagen bei 107 Milliarden Kronen (4,1 Milliarden Euro). Nach Einschätzungen der Agentur Czech-Tourismus kann es in diesem Jahr um 60 Prozent weniger werden. 36 000 Menschen könnten im Tourismus nach der Analyse der Agentur ihren Job verlieren.

Preise sinken

Auch wenn man im Café Louvre die fehlenden Besucher aus dem Ausland merkt, dank der einheimischen Kunden, war man nicht gezwungen, die Preise zu ändern. Dies ist aber nicht der Fall in Kneipen und Restaurants am Altstädter Rind oder auf der Prager Burg, die sich ausschließlich auf die Touristen konzentriert haben. Da, wo ein Bier früher umgerechnet vier Euro gekostet hat, bezahlt man jetzt zirka zwei Euro, trotzdem sind diese Lokale nicht voll.

Hotels leiden extrem

In einem Jahresvergleich haben vom April bis Juni in Prag um unglaublichen 93,6 Prozent weniger Touristen übernachtet. Nach den aktuellen Zahlen des tschechischen Statistikamtes haben in Hotels und Pensionen in der tschechischen Hauptstadt im zweiten Quartal - also in der Zeit der Corona-Pandemie und kurz nach den Lockerungen - nur 138.187 Besucher übernachtet, davon 45.730 aus dem Ausland. Auch wenn jetzt die Zahl der Touristen steigt, traue ich mir zu sagen, dass es für die Hotels eines der schlechtesten Jahre nach der Wende sein wird. Erst seit vorgestern ist zum Beispiel das Hotel gegenüber meiner Wohnung geöffnet, früher hat sich es nicht gelohnt. Wenn ich jetzt im Internet suche, sehe ich, dass man locker ein Einzelzimmer in einem Hotel im Zentrum für 800 Kronen pro Nacht - also 32 Euro- finden kann.

Eine Freundin von mir, die noch bis vor Kurzem außerhalb von Prag gelebt hat und wollte sich jetzt eine Wohnung suchen, hat sich sogar entschieden auf Zeit in einem Hotel auf der Kleinseite (Nah der Prager Burg) zu leben. Die 30 Nächte im Monat in dem Hotel kosten aktuell weniger als sie monatlich für eine Wohnung in der Lage bezahlen würde. Die Hotels sind auch jetzt im August nur bis 15 Prozent ausgelastet, viele bleiben noch geschlossen.

Es wird hart!

Prag ist mit diesem Rückgang die meist betroffene Region in Tschechien. Das Café Louvre wird diese Zeit auch dank der einheimischen Besuchern überleben. Welche Folgen die fehlenden ausländischen Touristen auf Prag und den Tourismus haben werden, zeigt sich in den nächsten Monaten. Sicher ist, dass die Verluste massiv sein werden.

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© Helena Šulcová